BerlinOnline

  

Datum:   30.03.1999
Ressort:   Lokales
Autor:   Andreas Kurtz

Gold für den späten Künstler

Viele Menschen vertun ihre Zeit im falschen Leben und trösten sich mit der Aussicht auf das Alter. Als Rentner wollen sie dann aber gaaanz bestimmt alles tun, woran sie vielleicht Spaß haben werden.

----Dumm bloß, wenn sie das dann nicht mehr erleben. Am besten, man macht es wie Karsten Klingbeil: Als erfolgreicher Immobilienunternehmer, der es nach dem Krieg mit dem Aufbau eines studentischen Zeitungsvertriebes zu erstem Geld gebracht hatte, stellte er sich rechtzeitig die passende Frage und beantwortete sie aus heutiger Sicht goldrichtig: Wie will ich eigentlich den Rest meines Lebens zubringen? Als Bildhauer! Und schon war er einer.

Am 11. April wird Karsten Klingbeil nun eine Ehrung erfahren, die auch störrischen Ignoranten sagt: Das ist nicht bloß ein spinnerter Reicher, der sich mit Inbrunst seinem Hobby widmet, weil er es sich leisten kann. Die "Academie Francaise" verleiht ihm an diesem Tag nämlich eine Goldmedaille für zwei seiner Plastiken. "Nixe" und "Fischer" stehen im Hafen des französischen Kurortes Quiberon und haben Familienähnlichkeit: Die Nixe ist Tochter Alexandra wie aus dem Gesicht (und sämtlichen anderen, unverhüllt dargestellten Körperteilen) geschnitten. Und der Fischer ist unverkennbar der alte Klingbeil selbst.

Die beiden Plastiken waren von ihm mit Hintersinn im kleinen, idyllischen Hafen aufgestellt worden und verfehlten ihre Wirkung nicht: Sie verhinderten, daß das Hafenbecken zugeschüttet und zu einem Parkplatz für den benachbarten Yachthafen ausgebaut wird. Wie die Dinge so liegen, ist Klingbeil mit dieser Aktion den besserverdienenden Mitmenschen seiner sozialen Klasse in den Rücken gefallen. Aber, darauf legt er verständlicherweise wert, die Goldmedaille gibt es nicht für eine politische Aktion, sondern als Zeichen der Wertschätzung für Kunst: "Nixe und Fischer wurden von einer Kommission begutachtet." Angenehm überrascht ist Klingbeil vom Umgang der Franzosen mit den Künstlern. "In Deutschland wäre das alles ohne Antrag nicht abgegangen."----Stadtgeflüster Telefon 23 27 53 96 Telefax 23 27 51 14